Fünf Thesen für eine sinnvolle Neuordnung des Bankensystems
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Durch die weltweiten Proteste der Occupy-Bewegung hat die Diskussion um die bisherigen Strukturen der Finanzbranche an Fahrt aufgenommen. Die Menschen haben das Vertrauen in das bestehende Bankensystem verloren, weil die Banken sich immer weiter von ihrem Kerngeschäft entfernt haben. Es ist höchste Zeit für einen Wandel. Karl Matthäus Schmidt, Vorstandsvorsitzender der quirin bank, formuliert fünf Thesen für eine sinnvolle Neuordnung des Bankensystems.
Die Diskussion um eine abermalige Rettung der Banken führt zu einem Vertrauensverlust vieler Bürger. Nach der ersten Finanzkrise im Jahr 2007 hat sich im Bankensektor bedauerlicherweise nichts Entscheidendes verändert. Im Gegenteil: Die Finanzbranche betreibt ihr Geschäft weiter wie zuvor. Gewinne werden privatisiert und Verluste sozialisiert. Hinzu kommt: Die Banken machen Milliardengewinne und zahlen Gehälter, die die Realwirtschaft kaum darstellen kann. So lag das Durchschnittsgehalt eines New Yorker Investmentbankers 2010 bei 361.300 US-Dollar. Die Menschen fragen zu Recht: Wie können wir gemeinsam erreichen, dass Banken wieder in der realen Welt ankommen und nach ihren Exzessen wieder ihren eigentlichen Aufgaben zuwenden?
Wenn wir über die dringend nötige Neuordnung der Bankenwelt diskutieren, dann ist es hilfreich, eine Leitlinie für ein neues Bankensystem zu formulieren und zu fragen: Was ist eigentlich der ökonomische Sinn einer Bank?
Banken müssen den Aufgaben nachkommen, für die sie eigentlich da sind: Einlagen entgegennehmen, Privatanleger anständig und fair beraten und vor allem, die Wirtschaft mit Krediten zu versorgen, damit diese wachsen kann. Gute Kredite sind solche, die reale Investitionen finanzieren und zur Wertschöpfung beitragen. Es kann und darf dagegen nicht Aufgabe der Banken sein, in der Beratung von Privatkunden ihren Informationsvorsprung gegenüber dem Kunden auszunutzen und Produkte zu kreieren, die die höchste Provision für die Banken erwirtschaften (siehe Lehman Zertifikate oder diverse in Not geratene geschlossene Beteiligungsfonds). Das gleicht einem Betrug am eigenen Kunden. Spekulationsgeschäfte im Devisen-, Renten-, Aktien-, Rohstoff-, Nahrungsmittel- und Interbanken-Markt haben den Sinn, aus Geld Geld zu machen – sie haben aber nichts mit dem ökonomischen Sinn einer Bank zu tun, wie wir ihn bei der quirin bank verstehen.
Zurück zu alten Tugenden
Das Kerngeschäft einer Bank – Kreditgeschäft, Einlagengeschäft und Privatkundenberatung – bildet gleichsam den einzig sinnvollen ökonomischen Rahmen, an dem sich der Gewinn und die Systemrelevanz einer Bank orientieren dürfen. Banken müssen zurück zu alten Tugenden. Auf dem Weg zu einer sinnvollen Neuordnung der Bankwirtschaft gilt es dabei fünf Thesen zu befolgen:
- 1. Kontrolle der Kredit- und Geldschöpfung
Kredite an die Realwirtschaft sind sinnvoll; Kredite an die Finanzwelt müssen dagegen kontrolliert beziehungsweise verboten werden. Das kann nur durch aufsichtsrechtliche Kontrollen erfolgen. Die Strukturen bestehen heute schon durch die Bafin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht). - 2. Neuordnung der systemrelevanten Banken
Alle Banken, die groß sind und deren primäres Ziel das Vermehren von Geld in der Finanzsphäre ist – denken wir nur an die Landesbanken vor der Finanzkrise 2008 – sind nach dem oben definierten ökonomischen Sinn einer Bank nicht systemrelevant und schützenswert. Wir müssen sie dringend in kleinere Einheiten aufteilen, damit sie für uns als Steuerzahler keinen weiteren Schaden anrichten. Wir brauchen keine Mega-Banken, wir brauchen vielmehr kleinere Banken, die unsere Unternehmen mit Krediten versorgen. Wir brauchen Vielfalt und damit viele Kreditoptionen für Unternehmen. Nur das schafft Wohlstand durch Wachstum. - 3. Einführung eines Trennbankensystems
Das Trennbankensystem kann mit Sicherheit die Neuordnung der Finanzindustrie unterstützen. Ein solches System kann aber das Kernproblem – die ungezügelte Geld- und Kreditschöpfung in der Finanzwelt – nicht lösen. Zudem ist es schwierig, die Trennung zwischen Eigenhandel und Kundengeschäft herzustellen. Das aktuelle Gesetzgebungsverfahren in den USA mit 380 offenen Fragestellungen zeigt eindruicksvoll, welche Hürden eine saubere Trennung überwinden muss. - 4. Neubewertung der Risiken
Es ist unser erklärtes Ziel, von einer Risikogewichtung der Aktiva Abstand zu nehmen und die Leverage Ratio (Verschuldungsgrad) auf die ungewichteten Aktiva einer Bilanz zu nehmen. Die Erfahrung aus der Finanz- und Schuldenkrise hat gezeigt, dass eine Null-Prozent-Gewichtung von Staatsanleihen nach Basel III keinen Sinn hat: Auch Staatsanleihen sind Risikopapiere. Zudem verstärkt die Gewichtung von Bankkrediten mit 20 Prozent die gegenseitige Vernetzung der Banken zu „systemrelevanten“ Bankhäusern; eine Gewichtung der Firmenkredite mit 75 Prozent behindert die Darlehensvergabe an Unternehmen. - 5. Stopp des Derivatehandels
Der Nutzen von Derivaten für die Realwirtschaft ist gering; der Großteil besteht aus Spekulation zwischen den Banken. So beträgt laut OECD der Wert der aktuell im Umlauf befindlichen Derivate das 10-fache des Weltbruttoinlandsprodukts. 1998 betrug dieser Wert nur das 3-fache. In diesem Zeitraum hat das klassische Kreditgeschäft der Banken (Kredite für reale Investitionen) stagniert. Somit hat der Derivatehandel keinen positiven Effekt auf die Realwirtschaft.
Zusammenfassung
Banken nehmen durch ihre Fähigkeit zur Geld- und Kreditschöpfung in der Volkswirtschaft eine privilegierte Stellung ein. Diese Stellung bedingt eine besondere Verantwortung, der Gemeinschaft zu dienen und die Kreditschöpfung im Sinne der Gemeinschaft zu steuern. Dabei sollte die ausschließliche Versorgung der Realwirtschaft mit Geld im Zentrum ihrer Aktivitäten stehen. Der ökonomische Sinn einer Bank ist es, die Geldtsröme der Wirtschaft in Gang zu halten und für reale Wertschöpfung zu sorgen.
Horst Ziegler
18.12.11 13:29
Ich stimme Ihrer Meinung und Ihren Vorschlägen uneingeschränkt zu! Unsere Regierung sollte das umsetzen, auch wenn GB, die USA und China anders verfahren. Lasst doch die anderen zocken (und früher oder später auf die Nase fallen). Irgend jemand muss damit anfangen, die Ordnung auf den Finanzmärkten wieder herzustellen.
Roland Farrenkopf
18.12.11 11:21
Ich begrüße sehr Ihren Vorstoß in diesem Bereich, Ihre Information. Vor allem bewundere ich auch Ihren "außergewöhnlichen" Mut in unserer heutigen Zeit für Ihre Andersartigkeit, und auch dafür, kein Geld in Rüstungs/Kriegsgeschäfte zu investieren. Mit freundlichen Grüßen, Roland Farrenkopf PS: Sollten Sie weitere moralische Unterstützung für Ihren Vorstoß benötigen, dann Überfliegen Sie doch einfach mal das Buch "Was Sie nicht wissen sollen" vom Michael Morris.
Hans-Peter Rupprecht
18.12.11 09:55
Guter Artikel, den auch ein "Laie" verstehen kann ! Was mir fehlt sind konkrete Vorschläge zur politischen und praktischen Umsetzung !
Ewald Veit
18.12.11 00:32
Es ist allerhöchste Zeit, dass diese richtigen Grundsätze von der Politik umgesetzt werden-
Badower
17.12.11 18:22
Sehr geehrten Damen und Herren, ich bin der Meinung, dass unsere Banken für ihre Risiken auch die Verantwortung (und zwar selbst) übernehemn müssen. Ich als ein selbständiger Handwerker muss es auch tun. Noch nie hat mir der Staat (der Steuerzahler) meine Risiken oder Spekulationen und dadurch Verluste abgedeckt. Die Banlken werden in sollchen vom Staat bevorzugt! Es muss aufhören, dass die Banken mit Kundenkapital spekulieren. Sie sollen mit ihren eigenen Einlagekapital tun und sich nicht von der Verantwortung drücken. M.fr.Gr. B.Badower, München
Alfred Oberhofer
17.12.11 12:19
Ihren 5 Thesen stimme ich voll und ganz zu!
Jürgen Hennig
17.12.11 09:40
Für meine Begriffe wäre es auch sehr sinnvoll, die Durchsetzung von Schadensersatzansprüchen von Kunden gegen ihre Bank wg. Falschberatung zu erleichtern. Bisher können Banken sich trotz einschlägiger Rechtsprechung doch immer noch relativ leicht "herausreden", auch wenn der Anschein noch so sehr für den Kunden spricht. Zu wünschen wäre:mehr "gesunder Menschenverstand" und geringere Kosten statt unverständlicher Prospekte und jede Menge Hintertürchen im "Kleingedruckten"!
8 Kommentare
Gustav Meyer zu Schwabedissen
18.12.11 22:30
Ich kann leider nicht beurteilen, ob Ihre Vorschläge am Ende des Tages alle wirklich sinnvoll sind. Zwei Aspekte halte ich aber für sehr wichtig:1. Der Fehlanreiz durch eine 0% Gewichtung sollte beendet werden. Er gefâhrdet die LVs und die berufstándigen Altervororgungen. 2. Wir brauchen viele kleine Banken. Wir kónnen ohne Gefahr deregulieren, indem wir Banken, die lediglich Kreditgeschàft betreiben, von der Regulierung ausnehmen (so ist es auch in zahlreichen EU-Staaten). Die vóllig ùberzogene Regulierung der reinen Kreditbanken fúhrt zu einer nicht gerechtfertigten, strukturellen Bevorzugung von Vollbanken und zu einer Markteintrittsbarriere.