Warum der Erhalt der Eurozone der 17 ohne Transferunion eine Illusion ist
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Die Debatten um eine Rettung des Euros nahmen in den vergangenen Monaten weiter an Schärfe zu. Dabei fällt oftmals der Begriff einer möglichen Transferunion, also eines dauerhaften und direkten Geldtransfers primär zwischen den Ländern der Europäischen Währungsunion (EWU). Philipp Dobbert, Volkswirt der quirin bank, erklärt die Notwendigkeit dieses europäischen Länderfinanzausgleichs im Fall eines Festhaltens am „Euro der 17“.
Der Zwang zu Transferzahlungen innerhalb des gemeinsamen europäischen Währungsraums wird besonders anhand des Echtzeit-Brutto-Clearingsystems TARGET2 (T2) deutlich. Dieses regelt die Abwicklung des Zahlungsverkehrs zwischen den Geschäftsbanken der Eurozone über nationale Grenzen hinweg. In normalen wirtschaftlichen Zeiten werden diese Transaktionen durch private Kapitalflüsse finanziert. Im Zusammenhang mit der Banken-, Wirtschafts- und Eurokrise ist aber derzeit die Europäische Zentralbank (EZB) gezwungen, die auf den Finanzmärkten benötigte Liquidität bereitzustellen – dies geschieht dezentral über ihre Mitglieds-Notenbanken, also etwa die Bundesbank.
Überweist beispielsweise eine griechische Bank Geld auf ein Konto einer deutschen Bank, nutzt sie dazu das T2-System, an dessen Ende die Bundesbank der deutschen Geschäftsbank das Geld gutschreibt. Die dabei entstehende Verbindlichkeit wird durch eine Forderung der deutschen Notenbank gegenüber der EZB ausgeglichen. Analog hat die griechische Zentralbank gegenüber der EZB eine Verbindlichkeit. T2 soll so garantieren, dass der Euro in allen Mitgliedsstaaten der EWU denselben Wert hat und ist somit wesentlicher Bestandteil der Währungsunion.
Anspruch und Realität
In der Realität ist es aber bereits so, dass in den Mitgliedsländern der EWU eine Trennung zwischen einem „starken“ sowie einem „schwachen“ Euro besteht – wenn auch bislang nicht faktisch. Der Eindruck einer überall gleich starken Währung, der zu einem erhöhten privaten Kapitalfluss vor allem auch aus Deutschland führte, erweist sich als Trugschluss. Das langfristige Problem: Die wirtschaftliche Dominanz Deutschlands bei gleichzeitiger Schwäche besonders der europäischen Peripheriestaaten im Gefüge des gemeinsamen Währungsraums.
Die Risiken einer Investition in den Finanzsektor der Peripheriestaaten ist den bisherigen Kapitalgebern durch die Eurokrise drastisch vor Augen geführt worden. Aus diesem Grund halten auch die deutschen Banken ihr einstmals starkes Engagement in diesen Ländern nicht mehr aufrecht. Der fehlende Kapitalfluss bei gleichzeitigem Fortbestehen von Warenlieferungen aus Deutschland sorgt dafür, dass der Bundesbank immer höhere Forderungen innerhalb des T2-Systems entstehen. Dieser Umstand wird aktuell durch eine massive Kapitalflucht aus den stark verschuldeten Ländern in die vergleichsweise sicheren Staaten – allen voran Deutschland – enorm verstärkt.
Es verwundert nicht, dass die T2-Forderungen der Bundesbank gegenüber der EZB und den anderen Notenbanken seit Beginn der Eurokrise im Jahre 2007 förmlich explodiert sind und sich aktuell in Richtung von 500 Milliarden Euro bewegen. Hier zeigt sich eindrucksvoll die historisch gewachsene, unterschiedliche Wirtschaftskraft der Euroländer, die die Gemeinschaftswährung noch zusätzlich zementiert hat. Der gleichzeitige Anstieg der Verbindlichkeiten der entsprechenden anderen Zentralbanken hat den Stabilisierungsbedarf der jeweiligen Länder verstärkt – insbesondere von Irland, Griechenland, Portugal und Spanien. Die Zahlungsfähigkeit dieser Staaten gerät zusätzlich unter Druck.
Die hohen Forderungen der Bundesbank gegenüber der EZB sowie den anderen Notenbanken bergen erhebliche Risiken in sich. Denn für die Verluste der EZB sowie ihre Geldvergabepolitik, für die im Umfang der T2-Salden vornehmlich die angeschlagenen Peripheriestaaten bürgen, haften letztlich die tatsächlich zahlungsfähigen Mitglieder der Eurozone. Im Falle von Deutschland würde dies eine Übernahme von gut 30 Prozent der Ausfälle bedeuten. Dies entspricht dem deutschen Anteil am Kapital der EZB ohne Berücksichtigung der Peripheriestaaten.
Die quirin bank schätzt, dass unter Berücksichtigung realistischer Ausfallwahrscheinlichkeiten von Forderungen im Rahmen von T2 – etwa durch eine Bankenpleite in den europäischen Peripheriestaaten – bereits heute eine Last von über 60 Milliarden Euro auf Deutschland zukommen könnte. Ohne Gegenmaßnahmen läge der zu stemmende Anteil bis Ende 2015 sogar bei 390 Milliarden Euro – doppelt so viel wie die jährlichen Steuereinnahmen des Bundes. Eine Begrenzung der T2-Salden ist jedoch nicht möglich, da ein solcher Eingriff mit dem Konzept einer Währungsunion unvereinbar ist.
Transferunion unausweichlich?
Hier entsteht ein Fass ohne Boden, auf das die Politik beziehungsweise die politischen Entscheidungsträger ihre Wähler klar hinweisen müssten. Ein Festhalten am derzeitigen „Euro der 17“ um jeden Preis mündet in eine direkte Transferunion. Als einzige erfolgversprechende Alternative ist ein temporäres Ausscheiden einzelner Peripheriestaaten aus der Gemeinschaftswährung denkbar. Diese ebenfalls kostspielige Maßnahme hätte eine klare Erfolgsperspektive: Nach einer Phase der wirtschaftlichen und politischen Konvergenz könnten die betreffenden Länder der Eurozone wieder beitreten.
Wer sich beiden Optionen verweigert, muss letztlich die Konsequenz klar benennen: das ungeordnete und vollständige Ende des Euros in seiner jetzigen Form. Dies kann jedoch nicht das Ziel einer verantwortungsvollen Politik sein.
Dipl.Ing Odebrett
18.12.11 17:15
Mal ehrlich-Bremen,Berlin und das Saarland sind wirtschaftlich keine Perlen....und intern gestützt durch Länderfinanzausgleich-seit Jahtzehnten bereits. Sollte man den Mittelmeerraum auch noch stützen müssen,überfordert dies krass die Hauptzahler. Meine Empfehlung: Griechenland und weitere Mittelmeeanrainer inkl.Portugal so schnell wie möglich raus aus dem Euro-mit floatender Währung abwerten lassen bis das ganze wieder wirtschaftlich funktioniert -und in der Zwischenzeit einen Kerneuro oder zurück zur DM... Unsere Schlüselindustrien wie BMW,Merc,audi produzieren längst schon in den relevanten Märkten vor Ort und die restlichen Produkte werden auch trotz Aufwertung weiter geordert,sofern diese ein Alleinstellungsmerkmal haben-und im Zweifelsfall lieber den Export stützen als 100 Jahre Griechenland! Ach ja-nach dem letzten Krieg in Europa haben selbst alle(die keinen Grund hatten uns zu lieben) deutsche Produkte erworben trotz DM... mfg Od ************* Sehr geehrter Herr Odebrett, vielen Dank für Ihre Nachricht. Auch wir halten einen temporären Austritt aus der Euro-Zone für einige Länder für durchaus vorteilhaft. Zwar wäre aus unserer Sicht auch die deutsche Industrie negativ betroffen (in unserem Szenario im Umfang von etwa 50 Mrd. Euro). Es ergäbe sich aber eine klare Erfolgsperspektive, anders als bei den derzeitigen „Rettungsbemühungen“. Mit freundlichen Grüße Philipp Dobbert
Wolfgang Blank
17.12.11 21:39
An die Quirin Bank, Die Target2 Beträge stellen schon heute 500 Mrd. € ungesicherte Kredite der Bundesbank an andre EU Staaten dar. Es hat also schon in den letzte 2 Jahren ein Transfer von Deutschland in die schwache Peripherländer der EU stattgefunden, ohne dass der Bürger in Deutschland dem zugestimmt haben. Das müsste möglichst bald eingestellt werden. Denn in wenigen Jahren befinden wir uns in der selben Situation wie die jetzigen Schuldner. Wir sind nicht mehr zahlungsfähig. Lieber ein Ende mit Schrecken, also ohne Euro in der jetzigen Form, als haften und zahlen bis wir nur noch mit Hilfe einer Währungsreform die Verhältnisse wieder ins Lot bringen können. Bei einer, wie von Ihnen vorgeschlagenen, Transferunion läuft der Weg in die Pleite von Deutschland nur schneller. Die Peripheren Staate der EU werden im Rahmen der Transferunion noch weniger bereit ihre unzureichenden Strukturen anzupassen. Ohne den Euro in der jetzigen Struktur wird es für Deutschland hart, aber die langfristigen Kosten werden erheblich geringer sein als bei dem Weg mit einer Transferunion, in welcher Form auch immer. Wolfgang Blank ************ Sehr geehrter Herr Blank, vielen Dank für Ihre Nachricht. Die enormen Dimensionen der Target2-Forderungen der Bundesbank, die Sie richtig benennen, nehmen wir als Beleg dafür, dass ein Festhalten um jeden Preis am derzeitigen Euro der 17 Mitglieder zwangsläufig in eine Transferunion mündet. Diese schlagen wir aber nicht vor, sondern im Gegenteil ein temporäres Ausscheiden einzelner Mitgliedsländer, um genau das zu verhindern. Wir hoffen, dieses Missverständnis ausgeräumt zu haben – im Grunde ähneln sich unsere Positionen sehr! Mit freundlichen Grüßen Philipp Dobbert
Frank Zintel
17.12.11 17:33
Sehr geehrter Herr Dobbert, danke für den Verweis auf die (fehlenden) ökonomischen Grundlagen einer Währungsunion und die klärende Darstellung der Konsequenzen, v.a. für Deutschland. Es wäre wünschenswert diese Zusammenhänge einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und insbesondere unseren Rettungspolitikern klar zu machen dass politischer Wille ohne Berücksichtigung der ökonomischen Voraussetzungen aller Wahrscheinlichkeit zu einer Spaltung Europas führen wird. Mit freundlichen Grüßen Frank Zintel
Behr, Winfried
17.12.11 11:08
Fragen: der Artikel von Garber http://www.scribd.com/doc/46527506/Notes-on-the-Role-of-Target-in-a-Stage-III-CRISIS beschreibt bereits 1998 was im Euro-System jetzt geschieht. In dem Artikel wird das Euro-System mit dem Federal Bank System der USA verglichen. Dort werden die Salden der District Federal Banks einmal im Jahr durch Zahlung von Gold- Zertifikaten ausgeglichen. Und nun die Fragen: (1) Warum hat man versäumt ein ähnliches Verfahren im Euro-Raum einzuführen? (2) Was geschieht, wenn eine District Federal Bank keine Goldzertifikate zum Saldensausgleich mehr hat? MfG W Behr ****************** Sehr geehrter Herr Behr, vielen Dank für Ihre Nachricht. Der Garber-Artikel ist in der Tat einschlägig und zeigt, dass das aktuelle Target2-Problem der Währungsunion inhärent ist – Target2 garantiert den Zusammenhalt des Währungsraums. In Bezug auf Ihre beiden Fragen: (1) Der Ausgleich der „Intersdistrict Settlement Accounts“ (ISA, das Target2-Pendant in den USA) ist aus unserer Sicht in erster Linie ein buchhalterischer Vorgang. Ursache hierfür ist, dass die ISA-Salden im Unterschied zu Target2 nicht zinstragend sind und durch die von Ihnen erwähnte Wertpapier-Transaktion in eine zinstragende Position umgewandelt werden. Der ISA-Saldo „verschwindet“, taucht aber an anderer Stelle in den Notenbank-Bilanzen wieder auf. Zudem zeigen die aktuellen diesbezüglichen Zahlen, dass der April-Ausgleich zuletzt nicht mehr vollständig erfolgt ist – auch hier bauen sich Milliarden-Salden auf. Das Problem ist also trotz des Ausgleichs auch in den USA nicht gelöst. (2) Dies beantwortet in Teilen auch bereits Ihre zweite Frage – auch die ISA-Salden steigen. Ein System wie ISA oder Target2 ist einer Währungsunion inhärent – ohne einen solchen unbegrenzten (!) Puffer handelt es sich nur um ein System fester Wechselkurse, nicht aber um eine Währungsunion (das ist auch einer der Hintergründe des Garber-Artikels). Mit freundlichen Grüßen Philipp Dobbert
5 Kommentare
Georg Winter
03.02.12 12:20
Es wird immer betont, dass die deutsche Wirtschaft (und damit Deutschland als Ganzes) die großen Nutznießer des Euro seien. Daraus folgt im Umkehrschluss, dass die anderen Länder die Leidtragenden wären – falls mal abgerechnet werden kann – was ja nicht der Sinn der Sache war. Und wenn nicht abgerechnet werden kann, müssen wir den bisher auf dem Papier erzielten Nutzen mindestens teilweise abschreiben (die Zuschüsse usw. sind ja nichts anderes) d.h. wir hätten die exportierten Waren zumindest anteilig verschenkt – das wäre auch einfacher gegangen. Beim genaueren Hinschauen habe ich den Eindruck, dass auch hier eine Umverteilung vom Bürger zur Wirtschat stattfindet, ähnlich wie bei der Bankenrettung: Die Wirtschaft profitiert von den Exporten und bekommt ihr Geld ohne Risiken durch den von der Bundesbank garantierten Zahlungsverkehr, die Risiken gehen damit auf die Bundesbank – d.h. den Bürger – über, was natürlich auch falsche Anreize für Wirtschaft setzt. Vielleicht sollte die Wirtschaft aufgefordert werden, in Abhängigkeit von ihrem Exportanteil selbst etwas zur Rettung des Euro beizutragen, den sie unbedingt behalten will, weil sie so stark davon profitiert z.B. durch einen Risikofonds, aus dem sich die Bundesbank bedienen könnte, um nicht einbringbare Forderungen zu kompensieren. Dann würde die Forderung der Wirtschaft zum Erhalt des Euro ggf. etwas objektiver. Eine Folge, die sich schon abzuzeichnen scheint, ist eine neue „Landflucht“ von den Peripherie-ländern zu den deutschen Arbeitsplätzen, weil unsere Exporte die Arbeitsplätze in den Zielländern zerstören. Das verstärkt den Industrialisierungsgrad und die Bevölkerungsdichte in Deutschland, was ggf. auch nicht wünschenswert ist. Andererseits: Würde Deutschland aus dem Euro ausscheiden würde die „neue DM“ vermutlich wie ein Korken in die Höhe schnellen und die Exporte erschweren d.h. Arbeitsplätze bei uns kosten. Bei der Effizienz unserer Produktion müssten wir wohl die Mehrleistung selbst konsumieren (oder Rohstoffvorkommen und landwirtschaftliche Flächen bei den Partnern kaufen), um Ungleichgewichte mit unseren Partnern zu vermeiden oder wir müssten nur noch halbtags arbeiten und mit weniger zufrieden sein, um die Anderen nicht an die Wand zu drücken. Die Vorgänge sind leider alle nicht linear d.h. jeder kleine Vorteil oder Nachteil schaukelt sich im Laufe der Zeit in einem Schneeballeffekt auf, wenn nicht engmaschig nachgeregelt wird. Ich hoffe, dass eine Bereinigung der Mitgliedschaft im Euro und anschließend die engmaschige Regelung der Wirtschaftsprozesse für die Kernländer erreicht werden kann, da eine stabil konstruierte europäische Währung, die als internationale Leitwährung geeignet ist, doch erhebliche Vorteile auf der Weltbühne haben dürfte. Ist das eine realistische Betrachtung? Mit freundlichen Grüßen, Georg Winter ******************** Sehr geehrter Herr Winter, vielen Dank für Ihre Nachricht. In der Tat hat sich in den letzten Monaten herausgestellt, dass die enorme Unwucht im Wirtschaftskreislauf der Euro-Zone nur noch über Transferzahlungen der Notenbanken im gemeinsamen Währungsraum unter Kontrolle gehalten werden kann und ein Zusammenbruch des Wirtschaftskreislaufs so verhindert wird. Noch sind keine der aufgebauten Verbindlichkeiten ausgefallen, so dass letztlich auch noch keine deutschen Güter „verschenkt“ worden sind – die Risiken bleiben aber, wie Sie selbst sehr treffend sagen, immens. Die Rettungsbemühungen stützen natürlich die Wirtschaft, die hierdurch bis zuletzt sehr gute Ergebnisse erzielen konnte. Hiervon profitieren aber natürlich auch die Arbeitnehmer – der deutsche Arbeitsmarkt ist in besserer Verfassung als vor Ausbruch der Krise. Insofern lässt sich eine gewisse „Umverteilung“ zugunsten der Unternehmen sicher nicht bestreiten; diese Umverteilung kommt aber auch dem Wirtschaftskreislauf insgesamt und damit auch der Bevölkerung zu gute. Ökonomisch wünschenswert wäre in jedem Fall, da gebe ich Ihnen vollkommen Recht, ein – wenn auch sehr kostspieliger und schwierig zu handhabender – Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Das Land könnte mit eigener Währung die strukturellen Probleme deutlich einfacher lösen als mit dem Euro. Der Euro würde hierdurch stabilisiert – „Ansteckung“ von Italien oder Spanien mit der „griechischen Krankheit“ wäre vom Tisch. Ich befürchte aber, dass der aktuelle eingeschlagene Weg weiter verfolgt werden wird – immer höhere Hilfssummen für Griechenland und andere Staaten in Not, ohne die strukturellen Probleme wirklich anzugehen. Mit freundlichen Grüßen Philipp Dobbert