Dez
16

Ausblick auf 2012: „Die Märkte kommen nicht zur Ruhe“ 2

 

Europa ist von einem besinnlichen Jahresende weit entfernt. Bereits wenige Tage nach den Regierungsbeschlüssen von Anfang Dezember spitzt sich die Lage wieder zu: Die Renditen von Peripherie-Staatsanleihen steigen erneut; die Finanzierung der Staatsdefizite wird schwieriger. Können die Regierungen und Institutionen 2012 das Ruder herumreißen? Christian Maria Kreuser, Vorstandsmitglied der quirin bank, wagt im Interview einen volkswirtschaftlichen Ausblick auf das kommende Jahr.

Herr Kreuser, machen die Regierungen der Euro-Staaten momentan wirklich alles falsch?

Nein, im Gegenteil. Zuletzt konnte man sehen, dass die Regierungen den Ernst der Lage endlich erkannt zu haben scheinen. Allerdings wird die Umsetzung der letzten Gipfelbeschlüsse noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Das Problem ist nur, dass selbst politische Entscheidungen, die mittel- bis langfristig in die richtige Richtung gehen, es schwer haben nach über einem Jahr der Verunsicherung und des Vertrauensbruchs wieder unmittelbares Zutrauen in die Durchsetzungskraft von Regierungen und Institutionen herzustellen. Solange werden die Märkte nicht zur Ruhe kommen.

Was bedeutet das für die Zukunft der Euro-Zone?

Zunächst wird der politische Wille zur Gemeinschaftswährung nicht nachlassen. Ein Ausscheiden einzelner Mitgliedsstaaten aus der Eurozone – auch ein temporäres – wird von den Regierungsverantwortlichen weiterhin ausgeschlossen. Diese Haltung erhöht jedoch den Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB), ihre Eingriffe am Staatsanleihemarkt massiv auszuweiten – und damit Zeit zu kaufen.

Zeit? Wofür?

Irgendwann ist das temporäre Ausscheiden eines Mitgliedslands aus der Euro-Zone kein Tabu mehr. Auf so einen Schritt müssen die Mitgliedsstaaten und Institutionen vorbereitet sein, und das braucht Zeit.

Welchen Vorteil hätte das temporäre Ausscheiden eines Mitglieds für die Staatengemeinschaft?

Die Maßnahme ermöglicht jenen Länder, die unter dem höchsten Druck stehen, ohne die enorme Hürde einer gemeinsamen Währung ihre wirtschaftspolitischen Probleme – private und öffentliche Verschuldung, mangelnde preisliche Wettbewerbsfähigkeit – besser in den Griff bekommen können. Zwar wäre eine solche Lösung für alle Länder – auch Deutschland, vor allem aber die betroffenen Peripherie-Staaten – zunächst mit hohen Kosten verbunden. Es böte sich aber eine klare Erfolgsperspektive, die einen späteren Wiedereintritt in die Gemeinschaftswährung beinhaltet.

Und was droht der Euro-Zone, wenn diese Lösung ausbleibt?

So lange eine solche Lösung ausbleibt, wird sich der Weg der Euro-Zone in die Rezession noch beschleunigen. Bereits zum Jahresende 2011 wird deutlich, dass sich das Wachstum nicht nur verlangsamt, sondern mit mehreren Quartalen zu rechnen ist, in denen das Wirtschaftswachstum der Euro-Zone insgesamt negativ ausfallen wird. Die wirtschaftlichen Akteure sind nach dem Hin und Her der europäischen Politik in den letzten eineinhalb Jahren so verunsichert, dass mittel- und langfristige Investitions- und Konsumentscheidungen schlicht aufgeschoben werden. Auch wenn es niemand hören möchte: 2012 wird wirtschaftspolitisch und makroökonomisch von den Entwicklungen rund um die Krise der Euro-Zone dominiert. Diese werden keinesfalls erfreulich sein.

Deutschland hat das Ansehen, seine Hausaufgaben innerhalb der Euro-Zone gut zu machen. Werden sich diese Anstrengungen in der Rezession auszahlen?

Grundsätzlich ja. Es ist allenfalls mit einem kurzen und leichten Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion zum Jahreswechsel 2011/2012 zu rechnen. Ansonsten ist aber für den Rest des kommenden Jahres auch in Deutschland nur mit einem sehr schwachen Wirtschaftswachstum zu rechnen. Einzig der Arbeitsmarkt und die weiter stützenden Exporte in die großen Schwellenländer werden nennenswert zum Wachstum beitragen.

Blicken wir über die Grenzen Europas. Wie werden sich die übrigen Märkte – vor allem China und die USA – mittelfristig entwickeln?

In China stehen die Zeichen – trotz teils erheblicher Risiken etwa im Bereich des Bankensystems oder im Immobiliensektor – auf einer moderaten Verlangsamung der Wachstumsgeschwindigkeit. Diese „sanfte Landung“ ist mit Blick auf die übermäßigen Wachstumsraten der vergangenen Jahre zu begrüßen und wird zudem – zumindest in 2012 – einen substanziellen chinesischen Beitrag zum Weltwirtschaftswachstum ermöglichen. Mittelfristig wird sich aber für China die Frage nach dem „Geschäftsmodell“ stellen – bei steigenden Löhnen und Kosten und gleichzeitig deutlich gedämpften Absatzchancen in den Industrieländern werden dem Exportweltmeister perspektivisch die Exportmöglichkeiten fehlen.

Die USA galten zuletzt als weltwirtschaftlicher Wachstumsmotor. Werden sie diese Rolle auch 2012 behaupten können?

Im Vergleich zu vergangenen Konjunkturzyklen werden die USA im Hinblick auf diese Funktion im kommenden Jahr deutliche Abstriche zu machen haben. Zwar deuten die Konjunkturindikatoren auch weiterhin nicht eindeutig auf einen „double dip“, also ein erneutes Abgleiten in die Rezession, hin. Die Erholung der USA von der Krise ist aber historisch schwach.

Mit Blick auf die Krise der Bankensystems und das Platzen der extremen Blase am Immobilienmarkt ist das auch nicht verwunderlich...

Richtig, das ist aber nur ein Punkt, der sich negativ auf die Konjunktur auswirkt. Vor allem bricht die nach wie vor ungewöhnlich hohe Arbeitslosenquote dem Wachstumsmodell der USA, das zu etwa 70 Prozent vom inländischen Konsum der privaten Haushalte abhängt, das Genick. Insofern ist aus den USA – die zusätzlich enorme Anstrengungen zur Konsolidierung der öffentlichen Haushalte unternehmen müssen – kein nennenswerter Wachstumsimpuls für die Weltwirtschaft zu erwarten, die insofern in 2012 ebenfalls nur mäßig wachsen wird.

Welche Märkte können optimistischer in die Zukunft blicken?

Da auch die übrigen Industriestaaten ihre Staatsfinanzen mittelfristig in den Griff bekommen müssen, ergibt sich auch bei ihnen über 2012 hinaus auf mittlere Sicht eine nur verhaltene Wachstumsdynamik. Einzig die großen Schwellenländer können hier – allerdings auch nicht mehr im Umfang wie bisher – gegenhalten.

Was sind die Hauptursachen für die das rückläufige Wachstum der Weltwirtschaft? Welche Probleme müssen Regierungen und Institutionen lösen?

Neben der Verarbeitung der Bankenkrise drückt der Konsolidierungszwang durch die rückläufige Produktion zusätzlich auf die Wachstumsraten, die durch die Verunsicherung der privaten Wirtschaftsakteure ohnehin schon geschwächt sind. Zusätzliche Abwärtsrisiken für diesen Ausblick ergeben sich zudem daraus, dass die Probleme in den Bilanzen der Großbanken nach wie vor nicht grundlegend gelöst sind, und auch das Weltwährungssystem, dessen Ungleichgewicht vor allem zwischen US-Dollar und chinesischem Renminbi maßgeblich mit zur Weltwirtschaftskrise beigetragen hat, weiter labil bleibt.

Und, um es nochmals zu betonen: Nur ohne eine weitere Verschärfung der Euro-Krise beziehungsweise ohne einen ungeordneten Zusammenbruch der Euro-Zone wird ein solcher bloß gedämpfter und nicht katastrophaler gesamtwirtschaftlicher Entwicklungspfad zu erreichen sein.

In der öffentlichen Diskussion taucht ein Begriff immer öfter auf: Inflation. Ist die Sorge berechtigt?

Möglicherweise ja. In diesem eigentlich eher deflationären Szenario, das aus der schwachen Konjunktur resultiert, kann sich zusätzlich auch noch ein Inflationsdruck ergeben. Dieser könnte dann entstehen, wenn die privaten Wirtschaftsakteure aufgrund der durch die Notenbanken weltweit stark ausgeweiteten Geldmengen trotz der schwachen Konjunktur mit Inflation rechnen und dies in ihren Lohn- und Preisforderungen berücksichtigen – eine Lohn-Preis-Spirale käme in Gang. Zusätzlich wahrscheinlich wird ein solches Szenario auf mittelfristige Sicht dadurch, dass hiervon in erster Linie die öffentlichen Haushalte profitieren, die ihre enormen Schuldenstände dadurch entwertet sähen. Dies wäre eine Entwicklung, die auch historisch schon häufiger zu beobachten war.

Was veranlasst Sie, trotzdem positiv in die Zukunft zu blicken?

Das Gute ist, dass wir nicht machtlos der Entwicklung ausgeliefert sind. Jeder von uns sieht, dass die Regierungen und Institutionen der Euro-Zone und der anderen Weltmärkte hart an Lösungen arbeiten. Sobald die ersten richtigen Entscheidungen ihre Auswirkungen zeigen, werden auch die mittel- und langfristigen Prognosen wieder positiver ausfallen. Gleichzeitig sollten wir eine Neuordnung des Bankensystems anstreben, die Spekulationen und extreme Blasen verhindert und die Versorgung der Realwirtschaft in den Fokus rückt. Dann entsteht wieder Wohlstand durch Wachstum.

 

 

2 Kommentare

dem kann ich nur zustimmen!

Herr Kreuser hätte es nicht besser ausdrücken können. Danke! ... Realwirtschaft "Dann entsteht wieder Wohlstand durch Wachstum" UND ... Wertschöpfung durch Wertschätzung Deutschland (Europa) braucht Reformen in ALLEN Bereichen (Bildung, Einkommensverhältnisse, Finanzen, Kultur, Politik, Sport, Medien ... )

 

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