„Die Bevölkerung legt Wert auf nachhaltiges Wirtschaften“
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Herr Merz, Nachhaltige Geldanlagen haben in Deutschland einen deutlichen Wachstumsschub erfahren. Im Vergleich zu 2008 ist ein Plus von 68 Prozent zu verzeichnen, wie der aktuelle Marktbericht des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG) zeigt. Können Sie diesen Trend bestätigen?
Ja, unter unseren Kunden gibt es eine wachsende Zahl von Anlegern, die eine nachhaltige Vermögensverwaltung wünschen. Wir haben es mit einem grundlegenden Wertewandel zu tun, bei dem man sich von der Politik, der Industrie und
den Banken nicht ein x für ein u vormachen lassen möchte. Dies zeigen Beispiele wie „Stuttgart 21“, die Klagewellen gegen verschiedene Großbanken bezüglich Zertifikate- oder Produktverkauf mit versteckten Gebühren oder die Diskussion um die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke. Aber auch Umweltthemen, wie die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, die die Menschen nicht mehr erleben wollen. Darüber hinaus spielt die Erderwärmung und die steigende Zahl von Naturkatastrophen eine Rolle, da alle täglich an das Thema erinnern.
Fast die Hälfte der nachhaltigen Investments gehen auf das Konto privater Anleger. Welche Gründe stehen bei der Anlageentscheidung für ein nachhaltiges Investment im Vordergrund?
Viele Kunden möchten einen Beitrag zur Unterstützung der gesellschaftlichen aber auch der ökologischen Belange leisten und erwarten ein konsequenten Kriterienkatalog, der sich mit Nachhaltigkeitskriterien und deren strikter Einhaltung beschäftigt. Sie denken dabei auch an die nachfolgenden Generationen, die unsere „Altlasten“ beseitigen und finanzieren müssen.
Mit einer nachhaltigen Anlage unterstützen Anleger Projekte, deren Strategie soziale, ökologische und Aspekte der Unternehmensführung einbezieht. Aber wie sehen die Renditechancen nachhaltiger Kapitalanlagen im Vergleich zu konventionellen Investments aus?
Meiner Einschätzung nach gibt es hier kaum Unterschiede. Entscheidend ist vielmehr die Management- oder Beratungsleistung des Vermögensverwalters. Hierbei spielt die Anlagestrategie in beiden Fällen die entscheidende Rolle. Die einzige Unterscheidung ergibt sich aus der Tatsache, dass Unternehmen, die im Umwelttechnologie und alternativen Energiebereich zu Hause sind, oftmals noch klein und daher im sogenannten mid- und small-cap Bereich angesiedelt sind. Generell ist die Schwankungsanfälligkeit in diesen Segmenten etwas höher. Auf längere Sicht ist dieser Effekt jedoch zu vernachlässigen.
Welche Ansätze können Investoren bei Ihrer Anlageentscheidung verfolgen?
Generell gibt es drei praktikable Wege: Der „best in class“ Ansatz, die Unterlegung von Ausschlusskriterien und die Definition von Positivkriterien.
Beim „best in class“ Ansatz werden grundsätzlich nur Unternehmen berücksichtigt, welche die auf der Konferenz der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro definierten Nachhaltigkeitskriterien innerhalb ihrer Branche am besten erfüllen.
Bei der Unterlegung von Ausschlusskriterien, werden bei der Anlage Unternehmen gemieden, die Kinderarbeit, Menschenrechtsverletzungen, Korruption oder ähnliche Vergehen begehen.
Positivkriterien sind beispielsweise der schonende Umgang mit Ressourcen, die Einhaltung von Sozialstandards oder besonders strenge Arbeitschutzregelungen.
Beim „best in class“ Ansatz besteht allerdings die Gefahr, dass beispielsweise Rüstungskonzerne zu nachhaltigen Unternehmen deklariert werden, nur weil sie umweltfreundlicher und sozialer als die Branchenkonkurrenz sind.
Das Wachstum nachhaltiger Investments bringt es mit sich, dass der Markt unübersichtlicher wird. Bundesumweltminister Norbert Röttgen hat zu Jahresbeginn in einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ geäußert, er hielte es für übereilt, ein staatliches Gütesiegel für umweltfreundliche Investments zu entwickeln. Er setzt auf die Beratung durch die Banken und Verbraucherschutzverbände. Teilen Sie diese Ansicht?
Es stellt aus meiner Sicht ein großes Problem dar, dass es keine einheitlichen Standards für nachhaltige Finanzdienstleistungen gibt. Daher ist das Gefälle zwischen den verschiedenen Anbietern recht groß: Jeder dieser Anbieter legt den Begriff Nachhaltigkeit unterschiedlich aus. Leider hat sich der Staat bisher nicht besonders hilfreich gezeigt, wenn es um den Schutz der Anleger ging. Ein Beispiel ist aus meiner Sicht der Warnhinweis vor Totalausfall bei Hedgefonds. Bei 90% aller Fonds schießt er über das Ziel hinaus und versieht sogar risikoarme Strategien mit einem Makel.
Es wäre wünschenswert wenn sich die Finanzindustrie auf klare Standards einigen könnte. Ziel sollte sein, Kunden zwei oder drei Nachhaltigkeitsstufen, wie zum Beispiel sehr stringent, stringent und tolerabel, im Sinne klarer Nachhaltigkeitskriterien, anbieten zu können.
Nicht alles, was als nachhaltig angepriesen wird, ist es auch. Gerade erst hat sich gezeigt, dass in vielen Nachhaltigkeitsfonds Aktien von BP steckten. Viele Fonds, darunter die DWS, mussten BP-Aktien aussortieren. Wie kann sich der Anleger vor solchen Mogelpackungen schützen?
Leider gibt es bisher keine einheitliche Zertifizierung. Es gibt jedoch in der Anlageklasse „Immobilien“ die Möglichkeit, eine Zertifizierung mit Blick auf die Energie-Effizienz, als Standard zugrunde zu legen.Bei den anderen Anlageklassen gibt es bisher keine einheitlichen Kriterien. Wer etwa einen einfachen „best in class“ Ansatz gewählt hat, konnte ohne weiteres in BP-Aktien investiert haben.
Um sich vor solch einer Mogelpackung schützen zu können, sollten Kunden bei ihrer Anlageentscheidung dabei besonders auf folgende Kriterien achten: Erstens sollten sie sich genau darüber informieren, welche Ausschlusskriterien bei der Auswahl des Investments zugrunde gelegt wurden. Zweitens sollten Anleger darauf achten, dass Fachleute, wie zum Beispiel ein unabhängiger Nachhaltigkeitsbeirat, existieren, die in regelmäßigen Abständen die ökologischen und sozial/ethischen Kriterien überprüfen.
Welche Rechte (Schadensersatz?) haben Anleger im Fall der Falschauszeichnung eines Fonds?
Es dürfte aktuell für Anleger sehr schwer sein gegen entsprechende Fonds vorzugehen, da es bisher keine rechtlich verbindlichen Standards gibt.
Wie wirkt sich eine zunehmend nachhaltige Kapitalanlage auf Politik, Wirtschaft und Finanzdienstleister aus?
Der Staat wird erkennen, dass die Bevölkerung zunehmend Wert auf nachhaltiges Wirtschaften legt. Dies wird sich zum Beispiel in den staatlichen Bauprojekten widerspiegeln, bei denen auf Energie-Effizienz und den schonenden Umgang von Ressourcen geachtet wird.
Ferner kann der Staat zunehmend weniger Subventionen für „umweltschädliche“ Industrien aufrecht erhalten, da hier der Steuerzahler doppelt zur Kasse gebeten wird (Subvention und später Steuergelder zur Beseitigung der Schäden).
Die Wirtschaft wird auch aus dem Aktionärskreis zunehmend in die Pflicht genommen, nachhaltige Belange zu berücksichtigen. Ferner regeln Angebot und Nachfrage das Produktionsverhalten. Werden zunehmend nachhaltige Produkte nachgefragt und wird auf die nachhaltige Produktion dieser Produkte geachtet, so ist ein Unternehmer gezwungen, dem Rechnung zu tragen, ansonsten hat er Wettbewerbsnachteile.
Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit bei der quirin bank?
Zum einen bei der Anlageberatung, zum anderen bei der Integration der sogenannten ESG-Kriterien in die Bank. Es steht für Environment (Umwelt), Social (Gesellschaft, Mitarbeiter und Kunden) und Governance (Unternehmensführung).
Die quirin bank bietet eine nachhaltige Vermögensverwaltung an, in der ein klarer und stringenter Prozess angewendet wird.
Ferner befinden wir uns in einer Phase, in der wir im Sinne eines „Nachhaltigen Wirtschaftens“ ESG-Kriterien langfristig in unsere Geschäftstätigkeit integrieren wollen. Dabei wollen wir auf Gesamtbankebene unsere unternehmerische Effizienz durch die Integration von Nachhaltigkeitspostulaten steigern und konsequent Optimierungspotenziale umsetzen. Wir sind überzeugt, dass unser faires und transparentes Geschäftsmodell dadurch sinnvoll ergänzt und unsere Pionierrolle ausgebaut werden kann.
Gehört der Hinweis auf die Einbeziehung nachhaltiger Produkte bei der Anlageberatung mittlerweile zum Standard? Oder ist die Einbeziehung vom Einzelfall oder vom Kundenwunsch abhängig?
Bei der Klärung der Kundenbedürfnisse gehört es dazu, abzufragen, wie ein Kunde darüber denkt. Wenn ein Bedarf erkannt wird, muss die Dienstleistung erläutert werden.
Ist es ratsam, seine Anlage ausschließlich auf nachhaltige Investments auszurichten? Was empfehlen Sie Kunden?
Es spricht nichts dagegen, dies zu tun. Vor allem weil wir praktisch in allen Anlageklassen nachhaltige Investments abbilden können. Lediglich im Rohstoffsektor ist eine Partizipation aufgrund unseres Ausschlusses nicht möglich.
Welche nachhaltigen Fondstypen und konkreten Fonds bietet die quirin bank ihren Kunden an? Gibt es im Bereich der ETFs nachhaltige Produkte?
Es gibt einige wenige aktiv gemanagte Fonds, die unseren Kriterien entsprechen und daher unseren Kunden angeboten werden kann. Das gleiche gilt für die ETFs, da wir einen entsprechenden Anspruch an die Auswahl der Produkte legen.
Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung nachhaltiger Geldanlagen in Deutschland ein? Welchen Anteil werden diese Investments am Gesamtkapitalmarkt in 5, 10 Jahren einnehmen?
Ich gehe davon aus, dass dieses Thema einen langfristigen Aufwärtstrend mit zunehmender Dynamik erfährt. Ich kann mir vorstellen, dass in zehn Jahren 15 bis 20 Prozent aller Anlagen mit nachhaltigen Investments abgedeckt werden. Die Briten halten immerhin 7,5 Prozent, die Amerikaner 10 Prozent ihres Anlagevermögens in nachhaltigen Geldanlagen. Deutschland hat mit 0,8 Prozent durchaus noch Aufholpotential.
Was tun Sie persönlich im Alltag für eine nachhaltige Lebensweise?
Ich achte beim Autokauf auf den Benzinverbrauch und plane den Kauf eines Hybridfahrzeuges. Außerdem nutze ich nach Möglichkeit öffentliche Verkehrsmittel. Im Winter praktiziere ich einen vernünftigen Umgang mit der Heizleistung, so vermeide ich eine „Überheizung“. Ferner sorge ich besonders für eine gute Isolation der Räume. Beim Einkauf schauen meine Frau und ich auf die Verpackung der Produkte; so vermeiden wir den Kauf von mehrfach verpackten Lebensmitteln und Produkten, insbesondere wenn es eine größere „einfache“ Packung zu kaufen gibt. Zu guter letzt achten wir beim Kauf von Obst, Gemüse und Wein auf einen biologischen Anbau.