Mai
03

"Wir leben über unsere Verhältnisse" 0

 

Der Ort war bestens gewählt, um sich für ein paar Stunden auf die guten alten Zeiten des Bankgeschäfts zurückzubesinnen. Der denkmalgeschützte Bau, der 2006 zum Hotel "Villa Kennedy" umgebaut worden war, geht auf die Frankfurter Bankiersfamilie Speyer zurück. Diese trat im 19. Jahrhundert neben dem Bankgeschäft vor allem als Förderer sozialer, künstlerischer und wissenschaftlicher Einrichtungen in Erscheinung. In diese historische Umgebung lud die quirin Bank am 9. März Kunden sowie den Ex-Bankier und heutigen Finanzinvestor Leonhard Fischer ein.

Fischer galt über Jahre als Senkrechtstarter in der Bankenbranche. Und auch an diesem Tag fackelte er nicht lange, die rund 100 Zuhörer mit ungeschönten Fakten zu unterhalten: "Sie investieren Ihr Geld nicht an freien, sondern an manipulierten Märkten". Das freie Spiel von Angebot und Nachfrage sei ein Mythos, der von Banken in der Vergangenheit gern verbreitet und von den Sparern gern geglaubt wird. "Das existiert nicht", sagt Fischer 

Aus dem 47-Jährigen, der vielen als Lenny Fischer bekannt ist, spricht die Erfahrung des Bankiers. Mit 36 Jahren saß der gebürtige Emsländer bereits im Vorstand der Dresdner Bank. Später ging er in die Schweiz. Er sanierte erfolgreich die Winterthur Versicherung und wurde sogar als Kandidat für den Chefposten der Credit Suisse gehandelt. Heute ist Fischer Chef des Finanzinvestors RHJ International, der mit 20 Prozent an der quirin bank beteiligt ist. In Gesprächsrunden wie an diesem Tag erklärt er gerne, an welchen Stellen Banker und Politiker in der Finanzkrise versagt haben.

Ein katastrophaler Fehler

"Im Jahr 2008 hat die westliche Welt entschieden, sich mit viel Geld aus der Krise einfach herauszukaufen. Die Pleite einer Bank wurde mit dem Ende der westlichen Zivilisation gleichgesetzt", sagt Fischer und spielt damit auf das Ende der US-Investmentbank Lehman Brothers an. Die Pleite sollte möglichst ein Einzelfall bleiben und motivierte den Staat, Milliardenhilfen in die Geldhäuser zu pumpen. Für Fischer keine Lösung: "Ich weiß, das ist eine Mindermeinung, aber wir haben einen katastrophalen Fehler gemacht, als wir die Banken retteten."

Mit steigenden Staatsschulden zögere man die überfällige Anpassung an die längst zu beobachtenden fundamentalen Veränderungen in der Welt lediglich hinaus. "In Wahrheit leben wir bereits seit 20 Jahren über unsere Verhältnisse. Irgendwann werden die Schulden gezeigt werden müssen, und irgendeiner wird sie bezahlen", sagt Fischer. Das könne über eine Geldentwertung, sprich eine Inflation, geschehen oder über eine Umschuldung mit schmerzhaften Einschnitten, einer Deflation. "Ich weiß nicht, was sich durchsetzen wird, ich weiß nur, dass wir auf die dritte Variante nicht hoffen sollten: auf ein kräftiges Wirtschaftswachstum."

Was bedeutet das für die Anleger?

Fischer warnt vor den Floskeln vieler Berater, zum Beispiel, dass Aktienkurse langfristig steigen müssten. "Das ist Humbug. Aktienkurse steigen, wenn die Wirtschaft wächst, wenn nicht, steigen auch die Aktienkurse nicht." Auch der Ratschlag, das Ersparte für die Altersvorsorge im Rest der Welt zu investieren, sei schön und gut. "Das Dilemma ist aber: Niemand braucht Ihr Geld." Viele Schwellenländer, eigentlich die Adressaten für die Geldanlage, erwirtschafteten selbst große Leistungsbilanzüberschusse, sie müssten selbst schauen, wo sie ihr überschüssiges Kapital investierten. Das seien wahrlich keine guten Voraussetzungen für hohe Renditen aus der privaten Kapitalanlage. Fischers Fazit: "Das Ziel jedes Anlegers für die nächsten Jahre kann nur lauten: den eigenen Wohlstand sichern. Das ist schwer genug."

 Vor allem macht Fischer klar, sich nicht von den Erfolgen einiger Geldmanager leiten zu lassen. Es sei unmöglich, dass im Durchschnitt an den Kapitalmärkten mehr verdient werden, als die Wirtschaft wachse. "Ein einzelner mag sich einen größeren Teil vom Kuchen abschneiden können, aber nicht die Masse." Dieses Alpha, wie die Finanzindustrie diese Überrendite gern nennt, bleibe daher für große Teile der Sparer unerreichbar.

 
 

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