Mogelpackung: Der Schatzbrief der Commerzbank
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Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Um an Geld zu kommen, verkauft die Bank ihren Kunden eine Inhaberschuldverschreibung etikettiert als Schatzbrief. Das Geld investiert die Bank gewinnbringend in den Kapitalmarkt. Gleichzeitig manipuliert die Bank den Kurs des vermeintlichen Schatzbriefs, um die eigene Gewinnspanne zu maximieren. Was unglaublich klingt, ist bei der Commerzbank alltägliche Praxis.
Schatzbrief, das verbindet der deutsche Anleger mit Sicherheit, mit Rendite, mit Vertrauen -- mit Werten, die den traditionellen Banken in der Krise abhanden gekommen sind. Grundsätzlich wird der Schatzbrief, ein festverzinsliches Wertpapier, vom Bund ausgegeben. Je nach Typ beträgt die Laufzeit sechs (Typ A) oder sieben (Typ B) Jahre, wobei die Zinssätze der Papiere über die Laufzeit von Jahr zu Jahr ansteigen und eine durchschnittliche Rendite von rund vier Prozent erwirtschaften.
Da der Schatzbrief aber markenrechtlich nicht geschützt ist, also nicht zwangsläufig vom Bund ausgegeben werden muss, kamen die Produktentwickler der Commerzbank auf die Idee, einen "Commerzbank Schatzbrief" zu erfinden, der das Image der Bank aufpolieren soll. Versprochen werden "attraktive Zinsen", "Sicherheit" und "Flexibilität".
Zwar ist die Verzinsung mit 3,25 bis 4,25 Prozent pro Jahr um einiges höher als bei Bundesschatzbriefen, aber spätestens beim Thema "Sicherheit" ist der Kunde der Dumme. Auf den ersten Blick verspricht die Commerzbank 100-prozentige Rückzahlung des eingezahlten Kapitals am Ende der 5-jährigen Laufzeit. Im Kleingedruckten enttarnt sich der Schatzbrief dann als Mogelpackung:
"Der Commerzbank Schatzbrief ist eine Inhaberschuldverschreibung der Commerzbank AG (Emittent) ... Die Kapitalrückzahlung (exkl. Ausgabeaufschlag) ist wie bei vergleichbaren Inhaberschuldverschreibungen abhängig von der Bonität des Emittenten. Der Anleger trägt das Emittentenausfallrisiko."
Im Prinzip leiht der Kunde sein Geld einer angeschlagenen Bank für fünf Jahre. Im Fall eines Verlusts oder einer Zahlungsunfähigkeit der Bank droht dem Kunden Totalverlust. Ein weiteres Problem: Der extreme Vertriebsdruck zwingt die Kundenberater der Commerzbank den eigenen Schatzbrief aggressiv zu bewerben, so dass konservativen Anlegern unter Umständen das ganze Depot mit dieser Mogelpackung "zugeknallt" wird.
Es kommt noch dicker: Selbst bei günstigem Verlauf der Papiere macht die Bank Gewinn auf Kosten des Kunden. Beim Verkauf einer Inhaberschuldverschreibung (IHS) berechnet die Bank eine Provision von 0,5 Prozent, beim Verkauf des "Schatzbriefs" berechnet sie dem Kunden einen Ausgabeaufschlag von 1,5 Prozent. Das bedeutet einen Nachteil von einem Prozent beim Kunden.
Desweiteren gibt die Bank Gewinne, die sie mit der IHS erwirtschaftet nicht über den "Schatzbrief" an den Kunden weiter (siehe Chart). Während die IHS durch die Decke geht, hält die Commerzbank ihr eigenes Produkt künstlich niedrig. Am 29. Mai beispielsweise betrug die Differenz 4,55 Prozentpunkte (IHS: 103,21 Prozent; Schatzbrief: 98,66 Prozent). Da der Kunde vermutlich froh ist, in dieser unsicheren Zeit kaum Verluste mit dem "Schatzbrief" zu machen, wird ihm nicht auffallen, dass er soeben um rund 5,5 Prozent betrogen wurde.
Und es gibt noch einen wichtigen Unterschied zwischen dem gefälschten Produkt und dem Original. Während bei Staatspapieren innerhalb der Laufzeit eine monatliche Auszahlung von maximal 5000 Euro möglich ist, muss der Kunde beim Verkauf des "Commerzbank Schatzbriefs" über die Börse (WKN CB898R) Kursverluste fürchten. Die Kapitalzusage der Bank gilt nur für das Laufzeitende.